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Women for justice

Ein Baum für die Erinnerung, ein Baum für die Zukunft

Es gibt Geschichten, die einem den Atem nehmen. Geschichten, für die Worte nie ganz ausreichen, weil das Leid, das sie erzählen, kaum zu begreifen ist. Dieses Projekt gehört für mich zu diesen Geschichten.

Im August 2014 ereignete sich im Shingal-Gebirge im Nordirak ein Völkermord an der Religionsgemeinschaft der Eziden. Es war nicht der erste Völkermord, den diese Gemeinschaft in ihrer Geschichte erleiden musste – doch die Grausamkeiten, die der sogenannte Islamische Staat (Daesh) damals verübte, gehören zu den schlimmsten Verbrechen unserer Zeit.

Männer und ältere Frauen wurden ermordet. Jungen wurden verschleppt und indoktriniert. Hunderte Frauen und Mädchen wurden versklavt, verkauft und ihrer Freiheit beraubt. Bis heute gelten noch immer Menschen als vermisst. Ganze Dörfer wurden ausgelöscht, kulturelle Stätten zerstört und selbst die Natur blieb von der Gewalt nicht verschont.

Meine Verbindung zu „Women for Justice“ reicht bis ins Jahr 2015 zurück. Damals gründeten wir Flamingo e.V. als Netzwerk für geflüchtete Frauen und Kinder. Unser Ziel war es, engagierten Aktivistinnen eine Plattform zu bieten, damit sie schnell handeln konnten, auch wenn sie noch keine eigenen Strukturen besaßen.

So konnte Flamingo den mutigen Frauen, die sich zunächst „Plattform verschleppter Ezidinnen“ nannte, mit unserer aufgebauten Vereinsstruktur unterstützen.

Hier lernte ich Dr. Leyla Ferman, die Gründerin des Vereins kennen. Immer wieder reiste sie in den Irak, um Überlebende der Gefangenschaft zu treffen und ihre Berichte zu dokumentieren.
Diese Dokumentation ist von unschätzbarem Wert, denn sie schafft die Grundlage dafür, dass die Verbrechen eines Tages juristisch aufgearbeitet und die Täter zur Verantwortung gezogen werden können.

Im Dorf Koço, so erzählt mir Najlaa Matto, eine aus der Gefangenschaft befreite Frau, sind alle Frauen und Kinder vom IS verschleppt worden. Und alle Männer, bis auf drei, die mit viel Glück überlebt haben, wurden getötet. Von vielen fehlt bis heute jede Spur.

Najlaa steht auf Bühnen, erzählt ihre Geschichte und setzt sich mit einer stillen und gleichzeitig mächtigen Stärke für die Sichtbarkeit und Gerechtigkeit ein.

Das zweite Dorf, Sîba, steht ebenfalls für den Mut und den Widerstand der Menschen, die versuchten, anderen die Flucht zu ermöglichen – oft in dem Wissen, dass sie selbst diesen Einsatz mit ihrem Leben bezahlen würden.

Die Frauen von „Women for Justice“ kämpfen aus Deutschland heraus mit unermüdlichem Engagement für Gerechtigkeit, Erinnerung und den Wiederaufbau der ezidischen Gebiete und haben die Projekte „1tree4 Koço“ und „1tree4Sîba“ aufgebaut:

Projekte, die durch das Pflanzen der Gedenkbäume, die Geschichten der Gewalt und des Widerstands bewahren, die verhindern sollen, dass die Ermordeten und Verschleppten in Vergessenheit geraten. Projekte, die für ökologisches Gleichgewicht sorgen und eine bedeutenden solidarischen Akt zeigen, da die Verbindung und Arbeit mit der Natur Überlebenden bei der Traumaverarbeitung helfen kann.

Die Pflanzung der Gedenkbäume hat eine besondere Bedeutung.
Jeder gepflanzte Baum erinnert an die Toten, an die Verschleppten, an diejenigen, die bis heute vermisst werden. Gleichzeitig schenkt er der zerstörten Landschaft neues Leben. Denn der Genozid richtete sich nicht nur gegen Menschen. Er traf auch ihre Zuhause, ihre Kultur, ihre Natur.

Aus zerstörter Erde soll wieder neues Leben wachsen.

Seine Wurzeln reichen tief in die Erde – dorthin, wo Geschichten bewahrt werden. Seine Äste wachsen dem Licht entgegen – dorthin, wo Hoffnung beginnt.

Wo einst Verwüstung herrschte, sollen wieder Schatten spendende Bäume wachsen.

Wo Schmerz geblieben ist, darf Hoffnung Wurzeln schlagen.

Vielleicht ist genau das die größte Antwort auf die Gewalt:

dass Leben zurückkehrt.

Ein Baum für Koço.

Ein Baum für Sîba.

Damit Erinnerung nicht vergeht.

Und damit Zukunft wachsen kann.

Diese Zeremonie wird zusammen mit dem Ausschwitzen in den Schwitzhütten (Temazcal) zelebriert. Durch das Reinigen und die heilende Kraft des Tuches erhält die Mutter Halt und Schutz, die „Wunde“ schließt sich.

Amparo und ihre Schülerinnen verwenden diese Rituale auch für Frauen, die sich ein Kind wünschen. Hierfür wird neben einem speziellen Rebozo von drei Metern Länge mit einem Holzstück auf physischer und emotionaler Ebene gearbeitet. Das Tuch selbst ist von der Konsistenz hart, es soll halten und schützen. Denn, so sagt Amparo: „Eine Frau, die trotz Wunsch nicht schwanger wird, braucht Halt.“

In einem sich drei mal wiederholenden Prozess bekommt die Frau mehrere Massagen mit dem Rebozo, das mit dem Holzstück fest um ihren Unterleib gebunden wird.

Das medizinische Wissen soll inspirieren, ohne einen kommerziellen Hintergedanken zu verfolgen, ohne auf ein individuelles Ziel zu verfallen. Denn das entspricht nicht den Wurzeln der Indigenen kollektiven tiefen Spiritualität.

Die Hebammenschule

Diesen Schatz des Wissens über traditionelle Medizin nicht zu verstecken, jedoch zu schützen und in gute Hände weiterzugeben, das ist die Ideologie der Schule von Amparo. Die Schule hat keine bürokratischen Hürden und ist offen für alle, die sich berufen fühlen, diese Arbeit auszuführen. Neben den Mentorinnen gibt es auch ein Netzwerk von anderen Hebammen, die regelmäßig eingeladen werden, um zu unterrichten.

Vier Generationen haben bereits hier ihre Ausbildung absolviert, die 5. Generation, zu der Lita gehört, ist fast fertig. So sind in den letzten sieben Jahren mehr als 100 Hebammen mit dem traditionellen Wissen rund um die Geburt entlassen worden.

Amparo und ihre Schülerinnen setzen die Arbeit zu Ehren ihrer Mutter fort.

In Gedenken an Aida Araceli Soto Mouzón.

Möge dein Wissen wie Samen überall wachsen, dein Name und deine Weisheit nie in Vergessenheit geraten.

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