Umoja das Frauendorf
Ich fahre vorbei an Ananasplantagen, an roter Lehmerde, so kraftvoll und fruchtbar, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Der Ananas folgen weitere Früchte und Gemüsesorten: Banane, Mango, Süßkartoffel und Mais. Es geht vorbei an Kaffeeplantagen, unzähligen Obstständen und Schafherden an der einen Straßenseite, mit dem Kenia Mountain beschützend auf der anderen. Die Straße führt mich von Nairobi über Nanyuki Richtung Somalia nach Archer’s Post.
Koloniale Kontinuität
Es scheint, je schöner die Erde und je fruchtbarer das Land, umso brutaler die Geschichte von Aneignung, Gewalt und Erniedrigung. Die Geschichte, die für die Menschen in Kenia nicht, wie aus westlicher Sicht beteuert, 1963 endete. Kilometer um Kilometer fahre ich an den vermeidbar unsichtbaren Spuren der kolonialen Kontinuität vorbei.
Auf den Ananasplantagen, so erzählt mir Bethi Ngari, meine Reisebegleitung, hat der US-Konzern Del Monte das Sagen. Die Locals “dürfen” schlecht bezahlt die Früchte ihres Landes ernten. Wer nicht schnell ist, wird bestraft: Wachhunde werden auf die Arbeitenden gehetzt oder sie werden vom Personal selbst geschlagen. Die gelbe Frucht wird konserviert, mit Industriezucker angereichert und in leblosen Dosen an internationale Supermarktketten verkauft.
Bei den Kaffeeplantagen ist es ähnlich: Fremde Konzerne beuten weiterhin Land und Menschen aus, bieten den Kaffee teuer im Ausland an, während die meisten Kenianer*innen selbst Instant Kaffee von Nestlé trinken, in kleinen Plastiktüten erschwinglicher als die aromatische, von der beeindruckenden roten Lehmerde und von der Sonne Kenias gereifte Bohne ihrer Heimat.
Den Kaffeeplantagen reihen sich britische Militärstationen ein. Seit Jahren versuchen die Bewohner*innen in den umliegenden Dörfern auf den giftigen Abfall, den das Militär hinterlässt und die tödlichen Unfälle der Dorfbewohner*innen durch Waffen-Experimente aufmerksam zu machen. Immer lauter werden auch die Stimmen gegen die Vergewaltigungen an Kenianerinnen seitens der britischen Soldaten in der Nähe des Stützpunktes.
Die Bilder dieser Verbrechen lass ich wortlos vorüberziehen, wissend, dass ein Teil der Geschichte von der Entstehung des Frauendorfes Umoja in Archer’s Post mit ihr verwoben ist.
Rebecca Lolosoli – Gründerin von Umoja
Am Ewaso Nyiro River, der am Frauendorf entlang fließt, treffe ich Rebecca Lolosoli, eine Samburu Frau (Die Samburu gehören zur indigenen Ethnie im Norden Kenias) und die Gründerin des Dorfes. Ich habe keine Ahnung, wie Königinnen sich fühlen, aber ich glaube jetzt eine Ahnung zu haben, wie es sich anfühlen könnte, neben einer zu sitzen.
Rebecca Lolosolis Ausstrahlung und ihre Weisheit übertünchen ihre Müdigkeit, denn sie ist ständig unterwegs, spricht auf Konferenzen, vernetzt Frauen*, macht auf die Gewaltstrukturen aufmerksam, sammelt Spenden ein und hält alles zusammen: ein Dorf mit über 40 vor Gewalt geflohenen Frauen* und über 100 Kindern.
Um die Geschichte der Gründung des ersten und bislang einzigen Frauendorfes Afrikas „Umoja“ (soaheli: „Einheit“) zu erzählen, führt Rebecca mich zurück in die Zeit, in der sie in Archer’s Post einen kleinen Lebensmittelladen betreibt.
Den Shop, wie sie ihn nennt, eröffnete sie Anfang der 90er, mit der Idee, ihre sechs Kinder und sich durch den Verkauf von Lebensmitteln zu ernähren. Doch schon bald merkt sie, dass sie nicht weghören und nicht wegsehen kann, wenn von Gewalt betroffene Frauen* ohne Geld, ohne Unterkunft, mit nichts als ihrer zerrissenen Kleidung, oft mit kleinen Kindern, vor ihrem Shop sitzen und ihr ihre Geschichten anvertrauen. Sie erfährt von den Schicksalen der Frauen*, die, nachdem sie von Soldaten des britischen Militärs vergewaltigt wurden, von ihren Männern und Familien ausgestoßen und verdammt wurden. Da Abtreibungen verboten sind, müssen sie im Falle einer entstandenen Schwangerschaft bis zur Geburt warten, um – so wird es von ihnen verlangt – das Neugeborene dann zu töten. Andere fliehen vor den willkürlichen, brutalen Schlägen ihrer Männer.
Viele sind krank, von Malaria und anderen Krankheiten abgemagert und geschwächt, ihre Kinder unterernährt. Vielen hilft sie nicht nur mit kostenlosem Essen, sondern auch mit der Übernahme von Krankenhauskosten. Ihr Ehemann und dessen Familie ermahnen sie, damit aufzuhören, sie drohen ihr, es gibt viel Streit.
Einige der Frauen* versuchen mit dem illegalen Verkauf von selbst gebrautem hochprozentigem Schnaps zumindest etwas Geld fürs Überleben zu gewinnen. Werden sie dabei von der Polizei erwischt, kommen sie ins Gefängnis. Ihre Kinder dürfen sie nicht mitnehmen. Rebecca sieht die Kleinkinder schutzlos draußen liegen. Sie sieht auch, wie viele der Mütter an Krankheiten sterben, wie Kinder tagelang neben der Leiche ihrer Mutter sitzen, denken, dass diese nur schläft, bis der Geruch unerträglich wird.