Jinwar das Frauendorf
Wir sagen lachend: „Wir sehen uns ganz bald wieder“ und dann geht Jiyan und ich sitze weinend mit meinem Blick auf dieses Land. Das ist nicht das erste Mal, dass wir uns verabschiedet haben und nicht wussten, wann wir uns wiedersehen werden. Das letzte Mal war vor fast zehn Jahren. Werden wir uns überhaupt jemals wieder begegnen? Jiyan lebt in Rojava, einer Region in Nordost-Syrien, die ständig durch Angriffe bedroht wird und die sie mit ihrem Leben verteidigt.
Ich kenne Jiyan aus Berlin, als ich einer Frauen*gruppe für Streetfight beitrat, die sie organisierte. 2012 hat sie sich als ausgebildete Medizinerin entschieden, nach Rojava zu gehen. Seitdem kämpft sie gegen den IS und für die Befreiung der Frauen* und versorgt die Verletzten.
Eine freie Welt kann nicht existieren, solange Frauen* unterdrückt werden.
Mit vielen anderen Frauen*, die sich dieser Bewegung anschließen, wurde Jiyan alles beigebracht, was sie benötigt, um das Land zu verteidigen und sich für die Unterdrückten stark zu machen. Dazu gehören neben der Jineologie – der Wissenschaft der Frauen* und des Lebens – auch Kurse rund um Selbstverteidigung, Schießen, aber auch Alltägliches, jedoch immer mit dem Kollektiv im Sinn. Um gemeinsam für ihre Freiheit zu kämpfen, müssen die Frauen* und Männer nicht unbedingt zu Waffen greifen, sondern können sich der Selbstversorgung und Bildungsbereichen widmen. Nicht jede*r würde sich für solch ein extremes Leben zum Kampf für die Freiheit der Frauen* entscheiden. Doch eine freie Welt kann nicht existieren, solange Frauen* unterdrückt werden.
2012 entstand hier die feministische Revolution, hat durch den grausamen Mord von Jina Mahsa Amini im September 2022 und drei Worte internationale Aufmerksamkeit erhalten: Jin Jiyan Azadî.
Während meines Aufenthalts in Jinwar habe ich zusammen mit Jiyan im selben Raum geschlafen, wir haben viel Zeit miteinander verbracht und ich durfte verstehen, wie sehr es in der Bewegung um das Kollektiv geht. Du wirst von allen getragen, gleichzeitig wird von dir erwartet, dass auch du die Menschen trägst.
Und ich habe Teile vom Krieg hautnah miterlebt. Der Funksprecher läuft in dem Frauendorf ununterbrochen und während ich mit Jiyan redete, wurde sie manchmal still und schaute an mir vorbei, ihr Blick und Gehör geschult für Drohnen – die Todesursache Nummer Eins – im Freien erkennbar, unterwegs in Autos nicht. Von der Grenze, wo Jiyan und eine Freundin uns abholten und uns nach Jinwar brachten, ist es nicht weit, doch wir mussten mehrere Stunden Umweg fahren und das Auto wechseln, in dem mehrere Waffen lagen. Anschnallen durften wir uns nicht, denn sollte es zu einem Angriff kommen, zählen Millisekunden, um sich aus dem Auto zu befreien.
Wir schliefen mit der Anweisung, dass wir jederzeit geweckt und uns in Sicherheit bringen müssten. Es herrscht ständige Alarmbereitschaft, denn Angriffe konnten aus der Türkei, den Schläferzellen des Daesch oder vonseiten der Assad-Regierung erfolgen und Bomben auf Rojava fallen.
Wenn jemand stirbt, dann führt die Gruppe die Verwandten an die Orte, wo sie zusammen gelacht, getanzt und gekämpft haben, wo sie Menschen vom IS befreit haben.
Viele der Verstorbenen (auch diejenigen, die auf natürliche Art gestorben sind) werden unter Erdhügeln begraben, auf denen die mich so faszinierende Hermelpflanze wächst. Sie wächst, so eine Freundin, fast nur in dieser Region und ganz besonders auf den Hügeln der Begrabenden. So als ob sie den Hinterbliebenen zeigen, dass alles gut sei, ein Zeichen: Wir sind noch immer da. Ihr könnt uns nicht töten, aus uns wächst wieder Leben.
„Wir pflanzen unsere Hoffnung ein.“
Inmitten dieses Kriegs- und Krisengebiets steht Jinwar jedoch fest verwurzelt und schwankt nicht. Selbst wenn die Bewohner*innen durch Angriffe fliehen und alles zurücklassen müssen, kommen sie immer wieder und bauen das Frauendorf von Neuem auf. „Wir pflanzen unsere Hoffnung ein.“ Sie zeigen, dass Liebe und Verbundenheit stärker sind. Es wird geredet, gelacht, Tee getrunken, Süßigkeiten gegessen und die Idee des Ortes weitergeführt und weiterentwickelt. Er dient als Zuflucht für Frauen*, der ihnen ein autonomes Leben bietet.
Als Teil der Gesellschaft lernst du, Kühe zu melken, Hühner zu füttern, die Felder zu bestellen, aus selbst angebauten Baumwollpflanzen Kleidung zu nähen, Brot zu backen, die Kinder zu unterrichten oder dich für die Gesundheit der Menschen mit den Heilkräutern zu beschäftigen. Es machen alle mit. Der Heilkräutergarten in der Mitte des Dorfes ist an das selbstorganisierte Gesundheitszentrum angedockt, in der die weibliche Anatomie gelehrt wird, Kräuter zur medizinischen Stärkung verarbeitet werden und eine Ambulanz bereitsteht, die in die Nachbarorte gerufen werden kann.
Die Samen, die wir zeremoniell im Garten einpflanzen, werden ohne Probleme sprießen, denn die fruchtbare Erde in Jinwar und in ganz Rojava kannst du förmlich riechen. Es hatte gerade viel geregnet, alles war grün. Auch wenn die türkische Regierung oft den Strom abstellt, die Flüsse vertrocknen oder die Ernte letztes Jahr verbrennen lässt, die Menschen dort helfen sich gegenseitig aus, ohne dabei an ihren eigenen Gewinn zu denken und sehen nachhaltiges Wirtschaften als Lebensphilosophie.
Das Symbol von Jinwar, die Hermelpflanze, haben wir zur Reinigung verbrannt. Während der Zeremonie flog die ganze Zeit ein Hubschrauber über das Frauendorf, über unsere kleine Versammlung im Heilkräutergarten. Er flog sehr tief und mit offener Tür. Wir konnten die Männer sehen und sie uns. Wussten sie, was wir uns mit dem Rauch wünschten?
Die Erde, die Berge, die Felder – so gesund und heile und mit solch einer Kraft dem Frühling entgegen schreiend, als ob nichts gewesen wäre. Kein Feuer, keine Bombardierungen, keine Wassersperrungen haben es geschafft, die Natur zum Aufgeben zu bringen. Und doch versuchen sie weiter, dieses Land zu zerstören, mit so viel Wut und Verlorenheit, als wären sie nie geliebt worden. Ich bewundere die Resilienz der Natur, die sich in den Menschen in Jinwar widerspiegelt.
Ich darf nicht mehr in mein eigenes Heimatland einreisen. Hoch oben in den Bergen stehend, blicke ich in die Ferne auf die Hügel Irans. Ich sehe sie und weiß, dass ich nicht dorthin zurückkehren kann. Seit ich mich gegen das iranische Regime ausgesprochen habe, ist mir die Einreise verwehrt. Die Gefahr ist zu gross, denn wer Kritik übt, läuft Gefahr, inhaftiert zu werden. Und dennoch gibt mir Jinwar Hoffnung – die Hoffnung, dass ich eines Tages wieder iranischen Boden betreten kann. Der Ursprung dieser Bewegung trägt unseren kollektiven Schmerz in sich und lässt uns unsere Trauer spüren. Zugleich schenkt er uns die Kraft, weiterzugehen.
Und dennoch gibt mir Jinwar so viel Hoffnung, dass es doch irgendwann möglich sein könnte. Der Ursprung der Bewegung trägt unseren kollektiven Schmerz, lässt uns unsere Trauer spüren. Aber er gibt uns auch die daraus wachsende Kraft, weiterzumachen. Was können wir für die Menschen dort tun? Nicht viel, denn durch die autonome Struktur sind sie Meister*innen der Selbstversorgung. Solarpaneele können helfen sowie Geld für die Bewässerungen. Aber vor allem hilft es, mehr über Jinwar zu erfahren, den Ursprung von Jin Jiyan Azadî zu unterstützen und den Blick nicht von den Frauen* im Iran, Afghanistan und der kurdischen Region Rojava abzuwenden. Es geht darum, die feministische Bewegung nicht als Separatist*innen zu führen, sondern gemeinsam für die Freiheit zu kämpfen.
Von meiner Reise nehme ich dieses kollektive Gefühl der Verbundenheit mit nach Deutschland und werde mich weiter für die Befreiung der Unterdrückten einsetzen, für ihre Freiheit, für ihr Leben. Genauso wie Jiyan in Rojava.
Und wir werden uns beide wiedersehen.