Der Hevrîn Xelef Heilkräutergarten
2015 entstand in Berlin ein Netzwerk unterschiedlicher Unterstützer*innen, die sich für die Rechte geflüchteter Frauen* und Kinder einsetzen wollten. Über mehrere Jahre hinweg betrieben die Aktivist*innen ein selbstorganisiertes Wohnprojekt für alleinstehende, schwangere Geflüchtete. Hier konnten Babys in einer ruhigen und geschützten Atmosphäre zur Welt kommen – fernab von überfüllten und prekären Unterkünften.
Zugleich ließen sich die Aktivist*innen im Asyl- und Aufenthaltsrecht (Refugee Law Clinic) schulen und bieten seither in wechselnden Konstellationen wöchentlich intensive, kostenlose Rechtsberatungen an. In den beengten Büroräumen und ohne staatliche Unterstützung – und damit auch ohne professionelle Begleitung – wurde den Aktivist*innen jedoch zunehmend bewusst, dass ein wesentlicher Aspekt fehlte: der Zugang zu Heilung.
Der Aufenthaltsstatus vieler Frauen* ist unsicher. Traumatische Erfahrungen aus den Herkunftsländern, aus Krieg und Flucht, begleiten sie – oft spürbar in jedem Atemzug.
In Gesprächen mit den Frauen* wird deutlich, dass nahezu jede von ihnen starke Antidepressiva und Schmerzmittel verschrieben bekommen hat – häufig ohne genau zu wissen, was sie einnimmt. Aufklärung über Nebenwirkungen fehlt ebenso wie der Zugang zu alternativen Behandlungsmöglichkeiten oder zu Therapieplätzen.
Wie könnte ein Ort aussehen, an dem zumindest vorübergehend Heilung möglich ist – ein Ort, an dem Frauen* frei durchatmen können?
Es braucht einen geschützten Raum mit Zugang zur Natur, einen Ort, an dem Pflanzen mit ihren heilenden Kräften präsent sind: einen Heilkräutergarten.
Seit der Gründung des Gemeinschaftsgartens Hevrîn Xelef entwickeln sich die Projekte und der Ort auf organische Weise weiter. Im Mittelpunkt steht nach wie vor, sich an den Bedürfnissen geflüchteter Frauen* zu orientieren. Dabei wurde schnell deutlich, wie essentiell – und zugleich wie rar – Orte sind, an denen Trauer Raum finden kann.
Es braucht einen Raum, um den Verlust von Heimat, von einer geborgenen Zukunft, von Familienangehörigen zu begreifen und zu betrauern – ebenso wie Gewalterfahrungen und das Gefühl, mit Schmerz und Erinnerungen allein zu sein.
Schritt für Schritt entwickelte sich der Garten so zu einem Ort des Gedenkens. Eine erste bewusste Setzung erfolgte kurz vor der Einweihung im Oktober 2019, als der Garten nach der ermordeten kurdischen Politikerin Hevrîn Xelef aus Nordsyrien benannt wurde. Er erinnert an eine Frau, die sich für die Rechte von Frauen* und Minderheiten einsetzte – und dafür in einem Hinterhalt getötet wurde.
Der Tod ist für viele Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, allgegenwärtig. Im Garten wird diese Präsenz noch einmal verstärkt durch den Ort selbst: Er befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs.
2022 wird die Kurdin Jina Amini im Iran getötet. Ihr Tod löst eine Welle von Protesten aus – der kurdische Ruf „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) verbindet Aktivist*innen weltweit.
Im Zentrum des Gartens wird in Gedenken an Jina Amini eine schwarze Maulbeere gepflanzt. Am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen* legen Trauernde gemeinsam die Erde mit ihren Händen um den Baum. Die Sängerin Hani Mojtahedy stimmt ein Lied an und inspiriert weitere kurdische und iranische Musiker*innen, an diesem Ort zu singen.
Nach und nach werden weitere Bäume gepflanzt und im und um den Garten entsteht eine Heilkräuterapotheke. Ehrenamtliche Ärzt*innen bringen ihr Wissen ein, es wird gegärtnert, getrauert und gesungen. Feministische Gruppen kommen hier zusammen, um sich auszutauschen – und um weiterzumachen.
Doch hier begegnet er uns nicht in Form kalter Gedenksteine, sondern lebendig – in Pflanzen und in Bäumen, die in zeremoniellen Ritualen gepflanzt wurden.
