Casa de Medicina
Das Casa de Medicina befindet sich in Chimalhuacán, außerhalb der Nordostgrenze von Mexiko Stadt, an einer wenig befahrenen Straße. Das begrünte Grundstück besteht aus kleinen offen bebauten einstöckigen Häusern, zwei Schwitzhütten aus Lehm (Temazcal), einer Küche, einem Wohnbereich, einer Heilkräuterapotheke, einem Unterrichtszimmer für angehende Hebammen sowie einem medizinischen Behandlungsraum.
Hier wird das Wissen weitergegeben, das über Generationen hinweg von den Hebammen der Indigenen Gemeinschaften bewahrt wurde.
Hier erzählt Maestra Partera Amparo, die Gründerin des Hauses, ihre Geschichte, die mit ihrer verstorbenen Mutter Aida Araceli Soto Mouzón beginnt.
Wie sie einst als junge Frau in die Hauptstadt kam und in einer unterbezahlten, gesundheitsschädlichen Textilfabrik arbeitete, deren Lohn gerade mal für eine kleine Unterkunft und etwas Essen reichte.
Mitgebracht hatte sie ihr wertvolles Wissen über die Versorgung von Schwangeren, Säuglingen und Frauenleiden. In der Heilung von gynäkologischen Beschwerden und in der Unterstützung von Geburten sah sie ihre Berufung.
Sie half jungen Frauen*, die ungewollt schwanger wurden, bei einer Abtreibung oder bot ihre Hilfe bei anderen weiblichen Problemen an.
Sie war für Sexarbeiterinnen da, passte nachts auf deren Kinder auf, ging tagsüber in der Fabrik arbeiten, um nach der Lohnarbeit Mädchen und Frauen* zu behandeln und zu heilen, die von der offiziellen Gesundheitsversorgung ausgeschlossen wurden.
Hier gebar sie auch Amparo, die von klein auf mitgenommen wurde und zusah, was ihre Mutter, eine Maestra Partera, eine Hebammen-Meisterin, täglich leistete. Das Wissen ihrer Mutter aufsaugend, zog Amparo als Lehrerin und Lernende durch das Land und eröffnete 2018 die Hebammenschule.
Bildung als Widerstand
Amparo sieht sich als Hüterin des meist mündlich tradierten Wissens, das sie nun an die Hebammen weitergibt. Das Wissen auf diese unkommerzielle Art und Weise weiterzugeben, so sagt Amparo, sei als Widerstand zu lesen, denn Chimalhuacán ist ein Viertel, das von Armut und Kriminalität als Folge des Kolonialismus geprägt ist.
In der Indigenen Hebammenschule von Amparo haben die Auszubildenden zunächst 13 Monate Unterricht, um dann für drei Jahre eine Mentorin bei ihrer Arbeit zu begleiten und von ihr zu lernen. Nach vier Jahren und einem Monat trägt die frisch ausgebildete Hebamme die Verantwortung bei jeder Vorstellung zu erwähnen, von wem sie gelernt hat.
Die Mentorin, auch liebevoll „abuela“ (Großmutter) genannt, gerät durch diesen energetischen Austausch, in dem sie mit ihrem Namen genannt und geehrt wird, nicht in Vergessenheit.
Das Patriarchat und der Kolonialismus
Neben der Kontrolle und Aneignung von Land durch Unterdrückung und Ermordung der Indigenen Bevölkerung, haben die kolonialen Länder durch die Waffe des Patriarchats auch über die Körper der Frauen* Besitz und Kontrolle übernommen.
Sowohl in der Allgemeinmedizin als auch über frauenspezifische Bereiche wie Geburten, Abtreibungen und postnatale Versorgungen übernahmen Männer und ihre Institutionen das Sagen und entmündigten Frauen* in Bezug auf ihren Körper. Im Casa de Medicina Ixchel wird diese Kontrolle zurückgewiesen. Hier ist die Geburt ein heiliger Moment, begleitet von der Weisheit der weiblichen Vorfahren und unterstützt durch das Indigene Tuch, den Rebozo, das bei der Geburt hilft.
Rebozo – das Werkzeug der Pateras
Der Rebozo wird nicht nur zum Tragen der Babys und Kleinkinder, sondern auch bei Geburten verwendet, um das Baby im Unterleib zu bewegen, wenn es sich beispielsweise in einer ungünstigen Geburtslage befindet. Mit einer speziellen Massagetechnik wird mit dem Rebozo an dem Bauch der werdenden Mutter gearbeitet – hin und her wird das Tuch bewegt, um Energien freizusetzen, die bei der Prozedur helfen, bis das Baby ideal liegt und gut für die Geburt vorbereitet ist.
Während der Geburt, so erzählen Amparo und ihre Auszubildende Lita, sind die weiblichen Vorfahren anwesend: die der Gebärenden, die der Hebamme und die der Mentorin, von dem die Hebamme lernen durfte.
Cierra con Rebrozo – das Schließen mit dem Tuch und Schwangerschaftswunsch
Am 40. Tag nach der Geburt wird die Mutter mit dem Tuch am Unterleib zugebunden, das sogenannte „Cierra con Rebozo“. Diese Tradition soll die Offenheit und Verletzlichkeit in den Wochen nach der Geburt wieder schließen.